INTERNATIONALES                                                            Bauernstimme 12/2001

Interkulturelles Lernen auf Biohöfen
Verein LOGO organisiert Praktika für StudentInnen aus Osteuropa

 

Wenn Igor erzählt, er komme aus Prochladny in Kabardino-Balkarien, dann muß ich zugeben, dass ich keinerlei Vorstellung davon habe, wo das sein könnte. Dass mich Balkarien spontan an Balkonien erinnert, ist vielleicht eher peinlich, aber man lernt ja nie aus. Igor erzählt, dass er in Stawropol studiert. Das kommt mir schon bekannter vor. Dennoch komme ich nicht ohne einen genauen Blick auf die Landkarte aus. Seine Heimat ist über 3000 Kilometer von seinem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt. Prochladny, Igors Heimatstadt, liegt im Nordkaukasus. Igor ist 22 Jahre alt, studiert Tierproduktion im fünften Studienjahr und lebt, arbeitet und lernt jetzt schon seit Mai auf dem Schanzenhof von Ruth und Ludger Schreiber bei Wesel. Er spricht mittlerweile so gut Deutsch, dass gar nicht auffällt, dass ich kein Wort russisch verstehe.

Intensiv gewirtschaftet
Igor ist einer von etwa 150 Studenten und Studentinnen aus Osteuropa, die ein fast 6-monatiges Praktikum auf deutschen ökologisch wirtschaftenden Betrieben absolvieren. Er hat in Stawropol von dieser Möglichkeit erfahren und das Interesse an ökologischer Tierhaltung und alternativer Tiermedizin keimte in ihm auf. Eine genauere Vorstellung davon, was ihn erwartete, hatte er allerdings nicht. In seiner Heimat, die zum Nordkaukasus gehört, wird durchgehend konventionell und eher intensiv gewirtschaftet. Die Region hat gute Böden und wo das Klima für Landwirtschaft und Gartenbau zu trocken ist, wird intensiv bewässert. Sonnenblume, Wasser- und Zuckermelone gehören zu den Standardkulturen. Es wird hier mehr produziert, als die Region braucht. Vieles geht in klimatisch ungünstigere Regionen und große Städte Russlands. Dennoch hat seine Familie - wie das in Russland so üblich ist - ein Wochenendhaus (Datscha genannt) mit Gemüsegarten, Hühnern und Kaninchen zur Selbstversorgung.

Umwelt wird Thema
Aber, so sagt er, allmählich gewinnt der Umweltschutz auch bei ihm zu Hause an Bedeutung, wenn auch bisher in erster Linie "nur" kontrovers darüber diskutiert wird. Und sogar in der wissenschaftlichen Ausbildung kommen Umweltthemen vor. So beschäftigen sich wissenschaftliche Institute oder Organisationen z.B. mit der Agroökologie, dem Boden- und dem Gewässerschutz. Umweltschutzthemen rücken mehr und mehr in den Vordergrund. Igor meint allerdings, dass es an der praktischen Umsetzung des Umweltschutzes fehlt. Das ist auf dem Schanzenhof anders. Schreibers bewirtschaften ihren Betrieb seit 6 Jahren biologisch-dynamisch. Im Stall steht eine 90-köpfige Milchviehherde und 50 Schweine werden gemästet. Ein solcher Betrieb gehört bei ihm zu Hause eher zu den kleinen. Im Stall und im Melkstand arbeitet Igor am liebsten. Hier hat er gelernt, wie die Schreibers ihre Tiere homöopathisch behandeln und nach welchen Kriterien sie ihre Zucht betreiben. Er durfte auch mal einen Tag mit dem örtlichen Tierarzt mitfahren.

Organisiert wird dieses Praktikum über den gemeinnützigen Verein LOGO e.V. (Landwirtschaft und Oekologisches Gleichgewicht in Osteuropa). Hier haben ökologisch wirtschaftende Landwirte, Wissenschaftler und andere Interessierte zusammengefunden, um jungen Menschen aus Osteuropa den Einblick in die ökologische Landwirtschaft in Deutschland zu ermöglichen. Seit 1996 werden jährlich über 100 Studenten und Studentinnen aus über 30 Hochschulen auf anerkannt ökologisch wirtschaftende Höfe in mehreren Bundesländern verteilt. Sie sollen dort nach und nach in allen Wirtschaftsbereichen des Hofes Erfahrungen sammeln. Während des Praktikums werden sie fachlich begleitet und betreut.

igor

Schwierige Betriebsgründung
Was er mit all dem anfangen wird, das er hier bei Familie Schreiber gelernt hat, das weiss Igor noch nicht so genau. Er würde wohl gerne einen eigenen Hof haben, aber auch hier wie beinahe im gesamten osteuropäischen Raum gibt es Probleme mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen. Die meisten Kolchosen und Sowchosen wurden "privatisiert", indem sie in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden. Einen Teil der Aktien hält jedoch der Staat, und die Betriebsgrößen haben sich kaum geändert. Nur arbeiten heute weniger Menschen in der Landwirtschaft als vor "Glasnost", in vielen Gegenden herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Rahmenbedingungen, um einen Familienbetrieb zu gründen, sind eher ungünstig. Und in einem Land, in dem die Menschen bereits die Hälfte ihres Lohns für Lebensmittel ausgeben, ist ein Mehrpreis für ökologisch erzeugte Produkte kaum zu erzielen. Aber das wäre vielleicht auch nicht die richtige Motivation für eine ökologische Landwirtschaft in Rußland. LOGO will mit seinem Programm möglichst vielen jungen Leuten Einblicke in ökologische Fragestellungen und Problemlösungen ermöglichen. Das Gesehene und Erlernte soll dabei nicht unbesehen kopiert werden. Ziel ist es, in den klimatisch und kulturell unterschiedlichen Regionen Osteuropas Impulse für eine angemessene ökologische Entwicklung zu setzen, und das fängt bekannterweise in den Köpfen an. Igor sagt gegen Ende seiner Zeit in Deutschland jedenfalls: "Ich konnte sowohl praktische Erfahrungen und Fertigkeiten in ökologischer Landwirtschaft als auch Lebenserfahrung sammeln. Darüber hinaus habe ich meine Deutschkenntnisse vertieft. Ich denke, daß das Praktikum für meine berufliche Zukunft von großer Bedeutung war."