Russland - Probleme mit Bio-Frische

02.03.2016 von Kai Kreuzer

Wir danken der Bioverlag GmbH (www.bio-markt.info) für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Beitrages.

 

biomaticaDer vor kurzem eröffnete Biomatica-Laden in St. Petersburg.Der Kursverfall des Rubels hat negative Auswirkungen auf die russische Wirtschaft. Auch der Bio-Einzelhandel ist betroffen. „Importierte Waren sind sehr viel teurer geworden“, stellt Tanya Lebedeva fest. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von Look.Bio, einem Medium, das eine Zeitschrift und ein Internetmagazin für russische Verbraucher und Fachleute herausbringt. Heute ist der Rubel nur noch 12 Cent wert. Im April 2015 waren es 17, im März 2013 noch 25 Cent. Was die Lage der Händler zusätzlich verschärft, ist der im August 2014 von der Regierung erlassene Importstopp von Frischeprodukten. Zudem hat sich der Export deutscher Güter aus der Industrie und dem Lebensmittelhandel in den vergangenen Jahren beinahe halbiert.

Das importierte Trockensortiment ist zwar verfügbar, aber zu sehr viel höheren Preisen als vor drei Jahren. "Da rund 80 Prozent des Umsatzes in Naturkostfachgeschäften mit importierter Ware von Großhändlern in Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Italien erzielt wurde, hat dies den Verkauf enorm getroffen“, erläutert die Moskauer Bio-Journalistin. Naturkosmetik, Haushaltswaren und abgepackte Lebensmittel wie Spaghetti, Tomatensauce, Säfte, Getreide und Babynahrung sind von diesem nationalen Importverbot nicht betroffen.

mehlBio-Dinkel und –Mehl vom russischen Hersteller Arivera (Foto: Ilya Kaletkin)Allerdings hat sich auch der Import dieser Produkte reduziert, da sich hier das verschlechterte Kursverhältnis auswirkt und viele Waren für die meisten Verbraucher unerschwinglich geworden sind. Schon davor konnten sich nur wohlhabende Menschen einen Einkauf im Bio-Fachmarkt leisten. „Die Leute in Russland kaufen inzwischen sehr viel weniger frisches Obst und Gemüse, da es außerordentlich teuer geworden ist. Sie können es sich einfach nicht mehr leisten“, beklagt Lebedeva. Und auch das Angebot sei insgesamt deutlich zurückgegangen.

Mehr Bio-Verarbeitungskapazitäten erforderlich

Durch die neuen Bedingungen habe sich die Warenbeschaffung geändert. „Mehr Produkte kommen nun aus dem Süden Russlands oder angrenzenden Ländern wie Georgien, der Türkei, Serbien, Armenien oder auch aus Südamerika.“ Von der stark zurückgegangenen Konkurrenz aus dem westlichen Ausland profitieren die einheimischen Produzenten allerdings. „Einer der Bio-Käsehersteller, die Firma Nikolaev und Söhne, verkauft jetzt zehn Mal so viel wie zuvor“, sagt die Look.Bio-Herausgeberin. Die Sanktionen kommen vor allem der Urproduktion zugute, also den Erzeugern von Kartoffeln, Tomaten, Karotten, Erbsen, Bohnen, Kohl, Sauerkraut oder eingelegten Gurken. Doch die Weiterverarbeitung dieser Frischeprodukte ist vielerorts nicht möglich, weil die Kapazitäten der Maschinen, Anlagen und Lagerräume begrenzt sind.

„Man benötigt Kapital und Baugenehmigungen, um nur zwei Hürden zu nennen. Es dauert Jahre, um neue Lagermöglichkeiten und Verarbeitungsstätten aufzubauen. Außerdem sind Kredite schwierig zu bekommen und extrem teuer, mit Zinsen von über 20 Prozent im Jahr", so Lebdeva. Die Sanktionen seien deshalb vor allem jenen Firmen zugute gekommen, die bereits auf dem Markt waren. „Als der Importstopp kam, waren sie imstande, in kurzer Zeit ein starkes Wachstum mitzumachen“, stellt die Journalistin fest. Als Beispiel nennt sie den Schwarzbrothersteller Pane Nero (Chyorniy Khleb www.hlebio.ru), ein Fachbetrieb für Bio-Getreide und -Mehle. Nach Angaben von Geschäftsführer Pavel Abramov hat sich der Umsatz der Firma im Jahr 2015 verdreifacht. „Wir konnten das Sortiment aufstocken und die Qualität verbessern“, sagt er. Pane Nero produziert nach den Richtlinien von Agrosofia und wird von Eco-Union kontrolliert.

kaeseBio-Käseherstellung in Krasnodar, 1500 km Luftlinie südlich von Moskau, nahe beim Schwarzen Meer

„Allerdings gibt es auch die Tendenz, die fehlenden Bio-Frischprodukte durch naturnah erzeugte Produkte aus Russland ohne Zertifizierung zu ersetzen“, erläutert Lebedeva. Beim Trockensortiment weichen die Einzelhändler auf preiswertere vergleichbare Angebote der Großhändler bzw. Bio-Hersteller aus dem Ausland aus.

Einige sehr gute Bio-Läden mussten wegen des Umsatzrückgangs und der Wirtschaftskrise leider schließen. Dazu gehört auch der 2006 in Moskau eröffnete Bio-Market, der im vergangenen Jahr aufgegeben hat. Doch etwas überraschend gibt es auch die ein oder andere Neueröffnung. In Moskau besteht daher immer noch rund ein Dutzend Naturkostläden, die im Schnitt rund 30 bis 40 Prozent Bio-Anteil haben. Einer der älteren Läden ist Biostoria, gegründet vor über drei Jahren. Er bietet in seinen Regalen gut 90 Prozent Bio-Ware. (Zur anspruchsvollen Ladeneinrichtung siehe Bilder von Ladeneinrichter Frishman).

fleischFrisches Fleisch von naturnah wirtschaftenden Höfen bei St. Petersburg

In St. Petersburg, der zweitgrößten Stadt Russlands mit rund 5 Millionen Einwohnern, gibt es vier Naturkost-Fachgeschäfte: Biomatica, Klever und Organica (wir berichteten 2013) mit zwei je etwa 40 Quadratmeter großen Bio-/Eco-Läden). Sie bieten Naturkost, Haushaltwaren, Naturkosmetik, Wasch- und Reinigungsmittel. Der Anfang Februar 2016 eröffnete Laden Biomatica beabsichtige ebenfalls, weitere Läden zu eröffnen, berichtet Anastasia Prikazchikova. Die Journalistin aus St. Petersburg schreibt für ihren Öko-Blog „I’m Organic“ und hat dort einen Artikel mit Fotos des im Öko-Stil gestalteten Ladens veröffentlicht.

Girlanda, ein Ladenkonzept, das von Alena Gililova und Anton Gililov entwickelt wurde, bietet vor allem frische Lebensmittel – Obst, Gemüse, Fleisch und Fleischwaren, Molkereiprodukte – aus der Umgebung von St. Petersburg. Die meisten der Höfe sind nicht zertifiziert, auch wenn sie biologisch oder naturnah wirtschaften. Vor kurzem hat das Unternehmerpaar das Girlanda-Steakhouse Shop&Show eröffnet.

organicfarmerDie Look.Bio-Journalistin Tanya Lebedeva bei einem Besuch bei Bio-Bauern in der Region Krasnodar am Schwarzen Meer Einer der Bio-Bauernhöfe aus dem Umland ist der Alehovshina-Hof. Er produziert Bio-Eier, Kohl, Rote Beete, Kartoffeln und Ziegenmilch mit einem ABcert-Kontrollstempel sowie einer NOP-Kontrollbescheinigung von BCS


Fazit: Die Handelsbeschränkungen haben den russischen Naturkostfachgeschäften das (Über-)Leben schwieriger gemacht. Zugleich hat sich aber auch das Angebot einheimischer Ware durch verstärkte Nachfrage verbessert. Auch wenn das Sortiment in den Läden kleiner wurde: Für die Hersteller unter den russischen (Bio-)Bauern und die Lebensmittelproduzenten hat sich die Lage verbessert.